[Kolumne] Was faziniert uns an True Crime / Wahre Verbrechen
True Crime ist überall. Podcasts, Hörbücher, Bücher, Filme, Serien – das Genre boomt seit Jahren. Viele Menschen konsumieren diese Inhalte regelmäßig. Ich selbst höre zum Beispiel gern True-Crime-Hörbücher. Doch dabei stellt sich eine unbequeme, aber wichtige Frage: Ist True Crime voyeuristisch?
Meine Antwort lautet: Ja – zumindest teilweise.
Beim Lesen, Hören oder Schauen werfen wir einen Blick in die dunkelsten Momente fremder Leben. Wir sind fasziniert, wollen jedes Detail kennen, jede Wendung verstehen. Dieser berühmte Blick durchs Schlüsselloch übt seit jeher eine große Anziehungskraft aus. Schon als Kinder kannten wir diese Neugier – man denke nur an den heimlichen Blick durchs Schlüsselloch an Weihnachten. Auch wenn hier keine sexuelle Lust im Spiel ist, bleibt das Prinzip ähnlich: beobachten, ohne selbst betroffen zu sein.
Grundsätzlich ist daran nichts Verwerfliches. Durch Beobachtung lernen wir. Auch wenn es makaber klingt, beginnt unser Kopf sofort zu arbeiten:
Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten – als Opfer, als Täter, als Beteiligter?
Wir wollen verstehen, wie ein Mensch zum Täter wird. Dazu kommen Neugier, Nervenkitzel und Spannung.
Gleichzeitig erleben wir zwei widersprüchliche Gefühle: Unglauben und Erleichterung. Unglauben darüber, dass solche Taten oft ganz nah passieren – vielleicht im eigenen Umfeld. Erleichterung darüber, selbst nicht betroffen zu sein. In diesem Spannungsfeld bewegt sich True Crime.
Ja, True Crime hat voyeuristische Züge. Und das ist so lange in Ordnung, wie niemand dadurch geschädigt wird. Ähnlich wie bei Gaffern auf der Autobahn gibt es jedoch eine Grenze – und die sollte nicht überschritten werden.
Denn eines dürfen wir nie vergessen: Hinter jedem Podcast, jedem Buch und jeder Serie stehen echte Menschen. Opfer, Angehörige, Familien – Menschen, deren Leben für immer verändert wurde. Diese Geschichten sollten uns nicht nur unterhalten, sondern auch daran erinnern, warum solche Taten niemals passieren dürften.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Unser Gehirn liebt Rätsel. Es will Zusammenhänge erkennen, Motive verstehen, Lücken schließen. True Crime bietet genau das – eine simulierte Gefahr ohne eigenes Risiko. Spannung, Adrenalin und Emotionen entstehen sicher vom Sofa aus. Unsere Faszination dafür ist zutiefst menschlich.
Problematisch wird es allerdings dann, wenn Täter als charismatisch, faszinierend oder gar bewundernswert dargestellt werden. In solchen Momenten gerät schnell in Vergessenheit, dass es sich um reale Gewalttaten handelt – und um reales Leid.
True Crime kann unterhalten, informieren und zum Nachdenken anregen. Entscheidend ist, wie wir es konsumieren: reflektiert, respektvoll und mit dem Bewusstsein, dass es hier nicht nur um Geschichten geht – sondern um echte Leben.
True Crime zeigt, was uns fasziniert – und was wir nie selbst erleben wollen.
mit lieben Grüßen
Anja